Ein Artikel über die Südtirolersiedlungen im Südtiroler Wochenmagazin "ff"

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WIRTSCHAFT

 

Operation Abriss

 

Innsbruck sucht Platz für moderne Häuserblocks. Dafür sollen die alten

 

Südtirolersiedlungen weichen. Jetzt wehren sich die Mieter.

 

Markus Trafoier sieht ein wenig aus wie Elvis Presley in seinen späten Tagen: schwarzes Haar, rundes Gesicht, lässiger Blick. Der Eindruck täuscht nicht. In seiner Freizeit gibt Trafoier den Alleinunterhalter und macht einen auf Elvis. Mit Gitarre und so. Heute ist ihm nicht danach. Heute ist er nur der Mieter einer Wohnung im Eichhof, einer Wohneinheit innerhalb der Südtirolersiedlungen, die einst für die

 

Auswanderer aus Südtirol errichtet worden sind (siehe Kasten auf Seite 39). MarkusTrafoier ist ein Nachfahre dieser sogenannten Optanten, seine Großmutter stammte aus Partschins.

 

Der Eichhof ist eine großzügige Wohnanlage mit etwa 390 Wohnungen. Zwischen den Häusern wachsen stattliche Eichen, es gibt viel Grün und die für Südtirolersiedlungen klassischen Wäscheleinen im Innenhof.

 

Nach dem Willen der Stadtverwaltung soll hier bald alles anders werden. Sie plant, den Eichhof abzureißen und neue Wohnblocks hochzuziehen. Dadurch würden 150 zusätzliche Wohnungen geschaffen.

 

Allerdings auf Kosten der Eichen und der Grünflächen. Das Zauberwort des Grünen-Bürgermeisters

 

Georg Willi nennt sich „Binnenverdichtung“. Das bedeutet: Wenn man innerhalb der Stadt ein wenig zusammenrückt, kann man verhindern, dass Neubauten „krebsartig ins Umland hineinwachsen“.

 

Das klingt erst einmal nicht schlecht. Doch die Operation Verdichten kommt bei vielen Bewohnern der Südtirolersiedlungen nicht gut an. Sie wollen lieber in ihren schnuckeligen Häusern

 

wohnen bleiben – und nicht in gesichtslose Wohnblocks umziehen.

 

Die Südtirolersiedlungen in den Stadtvierteln Pradl und Saggen eignen sich besonders gut für diese Binnenverdichtung. Die zwei- bis dreistöckigen Häuser im Zeilenbau verfügen über ausgedehnte

 

Flächen dazwischen, die mit Bäumen, Wiesen und Gemeinschaftsgärtenbestückt sind. Da hätten locker noch

 

ein paar zusätzliche Gebäude Platz. Markus Trafoier kann das nicht nachvollziehen. Der Eichhof wurde in den vergangenen Jahren saniert. Die IIG ließ die Außenwände dämmen, die Fenster austauschen, die Heizanlagen ersetzen. Und nun soll das alles abgerissen werden?

 

IIG steht für Innsbrucker Immobiliengesellschaft, sie ist eine 100-prozentige Tochter der Stadt. Daneben gibt es hier auch noch die NHT, die Neue Heimat Tirol. Sie wiederum gehört zur Hälfte

 

der Stadt Innsbruck und zur Hälfte dem Land Tirol. IIG und NHT sind dieEigentümer der rund 2.400 Wohnungen in den Südtiroler Siedlungen.

 

Die beiden öffentlichen Gesellschaften sind vergleichbar mit dem Wohnbauinstitut in Südtirol. IIG und NHT sollen in Innsbruck für „attraktives und leistbares Wohnen“ sorgen. In den Südtirolersiedlungen

 

tun sie das bislang auch. Die Mieten liegen netto rund um die Marke von 4 Euro pro Quadratmeter.

 

In den Neubauten, befürchten Markus Trafoier und seine Mitstreiter, werden die Mieten in den kommenden Jahren rasant nach oben klettern.

 

Bürgermeister Georg Willi bestätigt, dass die Neubaumieten „bei 8 Euro pro Quadratmeter brutto warm liegen“. Also inklusive Mehrwertsteuer, Raumwärme und Warmwasser. Dies sei immer noch weit unterhalb der Preise auf dem freien Markt, wo in Innsbruck netto 12 bis 16 Euro pro Quadratmeter fällig werden.

 

Eine Nachbarin von Trafoier führt durch ihre Wohnung. Sie hat sie auf eigeneKosten neu eingerichtet, die Küche, das Wohnzimmer, das Bad, alles tiptop. Die Mittvierzigerin kann nur den Kopf schütteln, wenn sie daran denkt, dass ihre Wohnung, ihr Zuhause schon bald weggebaggert werden soll.

 

Sie hat hier ihr Geld investiert, daher lässt sie sich auch von den Lockangeboten der IIG nicht verführen. Bis zu

 

15.000 Euro werden den Mietern geboten, damit sie ausziehen und in eine andere Wohnung gehen.

 

„Was bitteschön soll daran sozial sein?“, sagt sie. Man bekomme Geld, ziehe aus, gehe in eine andere Wohnung

 

und könne sich die Miete möglicherweise schon bald nicht mehr leisten.

 

Im Vorjahr hat eine Umfrage ergeben, dass zwei Drittel der Bewohner des Eichhof so denken wie sie. Sie sind gegen eine Absiedlung und gegen einen Abriss.

 

Das ist auch Walter Schuster. Der bullige Mann mit der Glatze führt den Autor dieser Zeilen durch die Südtirolersiedlungen.

 

Er selbst wohnt unweit des Gedenksteins, der 1984 „den Südtiroler Umsiedlern von 1939 bis 1944“ gewidmet

 

wurde. Ein Landesadler aus Bronze prangt darauf, gerade so, als ob er schützend seine Flügel über die Siedlungen legen wollte. Doch damit ist es nun vorbei.

 

Schuster erzählt von den fiesen Methoden, mit denen die Mieter angeblich aus den Wohnungen geekelt werden sollen. Sobald ein Nachbar ausziehe, würden nicht selten die Fenster herausgerissen. Damit die Häuser auskühlen. Das macht das Wohnen darin ungemütlich und treibt die Heizkosten in die Höhe.

 

Eine andere beliebte Methode sei es, etwa die Gasleitung zu kappen, sagt Schuster. Ups, heiße es dann, ein bedauerlicher Fehler. Wer nicht vehement genug auf die Reparatur dränge, bleibt wochenlang ohne Gas. Solcherart entnervt, hätten schon viele Mieter das Feldgeräumt.

 

Ein solches Vorgehen vonseiten einer öffentlichen Verwaltung, die sich dem sozialen Wohnbau verschrieben hat? Leider fanden weder IIG noch NHT die Zeitdazu, um auf diese und weitere Fragen von ff zu antworten.

 

Im Pradler Saggen kann man beobachten, wie es aussieht, wenn die Südtirolersiedlungen neu gestaltet werden. Hier sind bereits zahlreiche Häuser abgerissen worden. Das Haus am Ende der Reihe, die noch steht, gibt den Blick frei in die Räume dahinter.

 

Es sei noch nicht lange her, sagt Sylvia Kovacs, da habe man hinter den abgerissenen Mauern sogar die Möbel der ausgezogenen Mieter bewundern können. Kovacs wertet das als Menetekel für die Dableiber: Seht her, was euch passiert, wenn ihr nicht freiwillig auszieht. Sie wohnt wie das Ehepaar Woznitzka im Pradler Saggen. Alle drei sind fest entschlossen zu bleiben. Obwohl in dem Viertel nur noch wenige Mieter aushalten.

 

Rudi und Edith Woznitzka sind ältere Leute, Ediths Mutter war im Zuge der Option ausgewandert, sie stammte aus Schluderns. Rudi Woznitzka zeigt auf die hohen Bäume im Garten und auf die grünen

 

Wiesen im Innenhof. Dann führt er zu einem neuen Wohnturm, elf Geschosse hoch, dreihundert Quadratmeter Grundfläche. Fünf solcher Ungetüme, sagt er, sollen hier gebaut werden. Dazwischen

 

schmucklose Riegelbauten.

 

Bürgermeister Willi bewertet die Neubauten hingegen als „gelungen“. Zitat: „Verdoppelung der Nutzfläche bei

 

Erhaltung der Durchgrünung (hier gibt es einige Hochpunkte, aber auf den Dächern der in der Regel vierstöckigen Zeilen wird intensiv begrünt und werden zusätzliche Nutzgärten für die neuen Bewohner geschaffen), erschlossen über Gemeinschaftsräume, die sich in den höheren Häusern an den Gelenken

 

finden.“

 

Gerade diese neuen Südtirolersiedlungen sind aus der Sicht des Bürgermeisters hervorragende Beispiele dafür, wie es funktionieren kann: Zeitgenössische Architektur gehe hier einher mit urbaner Verdichtung, höchstem bautechnischen Standard sowie großer Wohn- und Lebensqualität.

 

Davon nicht überzeugen lassen sich Berthold Schwan und Marcus Cathrein. Die beiden Bürgerinitiativler sprechen von „einer Art Goldrausch“, der seit einigen Jahren in Innsbruck herrsche. Es werde

 

auf Teufel komm raus gebaut, ohne jedes Maß und Ziel. Dies helfe nicht den Familien, sondern vor allem Baufirmen, Immobilienhaien und Investoren – vieleauch aus Südtirol.

 

Doch obwohl die Wohnungen ständig mehr werden, habe dies keinen lindernden Einfluss auf die immer weiter

 

steigenden Preise. Cathrein spricht offen von einer „Angebot-Nachfrage-Lüge“.

 

Er ist überzeugt davon, dass nicht die Nachfrage das Angebot schaffe, sondern umgekehrt: Erst das Angebot schaffe die Nachfrage.

 

Nur so sei es zu erklären, dass Innsbruck vor allem seit 2012 beinahe explosionsartig wächst. Während in den Jahren zuvor die Einwohnerzahl moderat zunahm, stieg sie danach rapide an. Allein im Jahr 2015 um rund 4.000. Das führte dazu, dass die Stadt von 120.000 im Jahr 2011 auf nunmehr 134.000 Menschen

 

anschwoll.

 

Siegfried Zenz, auch bei den Bürgerinitiativen Innsbruck tätig, hat errechnet, dass die neuen Städter vor allem aus dem Ausland kommen (EU und Nicht-EU), während die Anzahl der Österreicher in

 

Innsbruck seit 2013 sogar rückläufig ist.

 

Diese Entwicklung findet Zenz bedenklich. Nur Wohnungen für Leute von auswärts zu bauen, hält er für den falschen Weg.

 

Bürgermeister Willi teilt diese Bedenken nicht. Er sagt, Innsbruck sei seit Mitte des 19. Jahrhunderts in mehreren Schüben durch Zuzug massiv gewachsen. Nicht zuletzt auch nach der Südtiroler Zwangsoption.

 

„Innsbrucker ist, wer hier wohnt, arbeitet, in Ausbildung oder im Ruhestand ist, egal, wo er oder sie geboren ist“, sagt Georg Willi. Urbanisierung sei ein weltweiter Trend, die Stadt generell die ökologischste Siedlungsform. Sie wachse vorwiegend durch Zuzug – „und das ist gut so“.

 

 

 

Marcus Cathrein sagt, mit dem Abriss  der Südtirolersiedlungen werde etwas vernichtet, was erhalten gehört: „Hier können die Menschen so leben, wie es wünschenswert ist.“ Urban Gardening, der städtische Gartenbau, sei hier bereits Wirklichkeit. Was in anderen Städten der Welt nun angestrebt wird, zerstöre man hier willentlich.

 

Auch stimme es nicht, sagt Berthold Schwan, dass die Bausubstanz der Südtirolersiedlungen schlecht sei. Die Häuser seien massiv, die Keller gut in Schuss, die Elektroanlagen auf dem neuesten Stand.

 

Ja, vielleicht müsste man die Außenwände und Dächer isolieren, aber sonst ...

 

Bürgermeister Georg Willi widerspricht: In vielen Häusern der Siedlungen seien schlechte Baumaterialien verwendet worden, außerdem würden die Südtirolersiedlungen nicht in ihrer Gesamtheit

 

abgerissen. Nur etwa 30 Prozent seien davonbetroffen. Andere Teile der Siedlungen sind schon saniert worden oder werden es noch. Zum Beispiel die Wohnanlage Panzing. Sie ist tatsächlich liebevoll restauriert

 

worden. Für den Bürgermeister stellt sie ein stadt- und baugeschichtliches Dokument dar. Georg Willi: „Die Erinnerung an die Zeit der Option soll ja auch im Stadtbild präsent bleiben.“

 

 

 

Ob am Ende der Operation Verdichtung mehr als Spurenelemente davon übrigbleiben, wird sich erst noch herausstellen. Derweil wird abgerissen und neu gebaut, wo es möglich ist. Mieter wie Markus Trafoier, Walter

 

Schuster oder Edith und Rudi Woznitzkawollen das nicht. Sie bleiben dabei: „Wirwerden kämpfen bis zuletzt!“ 􀁑

 

Karl Hinterwaldner